Heute könnte sich beweisen, dass Italiens Ministerpräsident Berlusconi keine Mehrheit im Parlament mehr hat.
Eine kleine Routineabstimmung könnte das Ende der Ära Berlusconi markieren. Noch weigert sich der Premier sein Amt niederzulegen.
Es könnte der Tag der Entscheidung werden, aber nachdem was zu hören ist, dürfte sich der definitive Rücktritt von Italiens Skandalpremier Silvio Berlusconi vielleicht sogar noch ein paar Tage hinziehen. Dieser weigert sich nämlich standhaft aufzugeben, schlägt dafür um sich und verkennt offenbar die Realität. Gestern Abend sagte er, er klebe ja nicht an seinem Stuhl, sei aber überzeugt davon, dass er bei der Abstimmung im Parlament heute die Mehrheit bekomme.
Die Tatsachen sehen ein bisschen anders aus, seiner PdL-Partei laufen die Anhänger in Scharen davon, im Abgeordnetenhaus dürfte er inzwischen weder die absolute noch die relative Mehrheit mehr besitzen, selbst im Senat könnte es eng werden.
"Zum Wohl des Landes"
Zudem wenden sich selbst wichtige Unterstützer ab, wie Roberto Formigoni, Regionalpräsident der Lombardei und PdL-Mitglied, der öffentlich sagte: "Berlusconi könnte auch den Weg wählen, den ich ihm schon vor mehreren Monaten vorgeschlagen habe, nämlich öffentlich zu erklären, dass er auf das Amt des Ministerpräsidenten verzichtet zum Wohl des Landes."
Stunden könnten zu Tagen werden
Das ist italienisch-politisch noch sehr vorsichtig ausgedrückt, heißt aber im Klartext: Verschwinde! Andere wie, Giuliano Ferrara, Chef der Zeitung "Il Foglio" und Ex-Minister in einem früheren Berlusconi-Kabinett, sind wesentlich deutlicher: "Dass Berlusconi dabei ist, seinen Rücktritt vorzubereiten, ist abgemachte Sache, in einigen Stunden, würde ich meinen, einige sagen sogar in ein paar Minuten." Auch das ist typisch italienisch, denn hierzulande können Minuten leicht mal zu Stunden werden und diese dann zu Tagen.
Freiwillig aufgeben will Berlusconi nicht. Aus Parlamentskreisen ist zudem zu hören, dass er inzwischen nicht mal mehr auf seine engsten Berater hören will.
Ist Berlusconis Parlamentsmehrheit weg?
Tatsächlich ist das Ergebnis der Abstimmung heute im Abgeordnetenhaus nicht politisch, sondern nur psychologisch bedeutsam, da die Stimmabgabe nicht mit einem Vertrauensvotum verknüpft wurde.
Es geht um den Haushalts-Rechenschaftsbericht für 2010 und ist eigentlich reine Formsache. Um dem Land nicht zu schaden und dennoch die mangelnde Unterstützung zu verdeutlichen, hat sich die Opposition einen Trick einfallen lassen. "Es ist möglich, dass wir uns enthalten, um endlich den Haushaltsbericht zu bestätigen, aber auch um zu zeigen, dass Berlusconi über keine Mehrheit mehr verfügt", sagt Benedetto della Vedova von Gianfranco Finis FLI-Bündnis.
Eine Art passives Misstrauensvotum
Und genau das wird möglicherweise passieren. Die Oppositionsparteien enthalten sich mehrheitlich, damit der Rechenschaftsbericht durchkommt. Wenn aber mehr Nein-Stimmen und Enthaltungen abgegeben werden als Ja-Stimmen, ist klar, dass die Regierung keine Mehrheit mehr hat. Die Opposition könnte dann einen weiteren Misstrauensantrag im Abgeordnetenhaus stellen, über den nach mindestens zwei Tagen abgestimmt werden kann - wenn Berlusconi nicht doch zurücktritt.
Der denkt aber eher an eine Vertrauensabstimmung im Senat, wo er noch die Mehrheit hat, und will diese mit der Abstimmung über einige Sparbeschlüsse verbinden. Ob es noch dazu kommt ist fraglich. Selbst Berlusconis Koalitionspartner Lega Nord geht vorsichtig auf Distanz. Innenminister Roberto Maroni sprach bereits von Neuwahlen: "Die Nachrichten im Moment behandeln die Flucht von der PdL zu anderen Parteien. Ich schätze PdL-Generalsekretär Alfano sehr, ich bin mir sicher, dass er sich der schwierigen Situation bewusst ist und erwarte von ihm, dass er politisch tätig wird, um zu vermeiden, dass Berlusconi im Parlament so endet wie Prodi." Romano Prodi verlor 1998 mit 312 zu 313 Stimmen ein Vertrauensvotum und trat zurück.
Regierung "alla Frutta"
Gestern am späten Nachmittag fand übrigens eine Spontandemonstration vor dem Parlament statt. Etwa 20 Studenten aßen dort demonstrativ Obstsalat und zeigten ein Transparent mit der Aufschrift, die Regierung sei schon "alla Frutta" - beim Obst, das in Italien als Nachspeise gereicht wird. Soll heißen: Die Regierung ist am Ende.
Italiens Ministerpräsident unter Druck