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Sunday, October 16th 2011, 7:41am

Randale in Rom löst Fragen aus

Mindestens 70 Verletzte, brennende Autos, geplünderte Läden - Rom gleicht mancherorts einem Schlachtfeld. Vermummte hatten nach einer friedlichen Demonstration eine Straßenschlacht angezettelt.
Nun werden Fragen laut: Warum konnte die italienische Polizei - sonst für ihr hartes Vorgehen bekannt - den Ausbruch der Gewalt erst in der Nacht stoppen?


"È inferno a Roma" - in Rom ist die Hölle los, schreibt heute die größte italienische Tageszeitung "Corriere della sera" - und das scheint noch untertrieben, wenn man die Bilder von den Ausschreitungen sieht.
Jede Menge angezündete Autos, spontan errichtete Barrikaden aus gestohlenen Motorrollern und umgeworfenen Müllcontainern, eingeworfene Schaufenster und geplünderte Läden, eine zerstörte Tankstelle - sogar ein Anbau des Verteidigungsministeriums wurde in Brand gesetzt. Die Schäden dürften in die Millionen gehen. Die gewalttätigen Autonomen griffen sogar Feuerwehrleute sowie Kamerateams und Fotografen an.

Chaoten setzen sich an die Spitze

Etwa 500 vermummte Chaoten hatten die ansonsten absolut friedliche Demonstration von rund 200.000 Menschen gegen die Macht der Finanzmärkte am Nachmittag "gekapert" und sich an die Spitze des Zuges gesetzt. Die Randale war offenbar beabsichtigt und gut geplant, der sogenannte "Black Block" war nämlich gut bewaffnet - mit Baseballschlägern, Rauchbomben, Knallkörpern und Molotowcocktails.
Man muss sich übrigens auch fragen, warum die italienische Polizei - sonst für ihr hartes Vorgehen bekannt - nicht in der Lage war, die Ausschreitungen zu verhindern. Schließlich waren 2000 Polizisten und Carabinieri im Einsatz, die auch Wasserwerfer und Tränengas benutzten. Die Straßenschlachten auf der Piazza San Giovanni in der Nähe der Lateranbasilika dauerten jedoch bis in die Nacht.

Wie war das möglich?

Italiens Innenminister Roberto Maroni sprach am Abend davon, dass Kriminelle in die Demonstration eingeschleust worden seien. Ministerpräsident Silvio Berlusconi kritisierte das unglaubliche Niveau der Gewalt, sogar Staatspräsident Giorgio Napolitano äußerte sich besorgt. Und Oppositionsführer Pierluigi Bersani fragte, wie es möglich war, dass eine Verbrecherbande über Stunden das Zentrum von Rom plündere.
Ähnliche Fragen werden auch in den Leserforen der italienischen Zeitungen laut. Hier äußern einige Kommentatoren den Verdacht, die Randalierer seien bestellt und möglicherweise bezahlt worden. Von den bisher zwölf Verhafteten stammen die meisten aus Süditalien. Bei den Ausschreitungen wurden insgesamt etwa 70 Personen verletzt, drei von ihnen schwer. Bei 30 der Verletzten handelt es sich um Polizeibeamte, einer von ihnen erlitt einen Herzinfarkt.

Krawalle in Rom

Sieht so der Anfang vom Ende aus in Europa?
Wirtschaftskrisen erkennt man daran, dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben.

Wer an die Möglichkeit eines ständigen Wirtschaftswachstums glaubt,
ist entweder ein Narr oder ein Ökonom.

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Tuesday, October 25th 2011, 3:35pm

Warum es mit Italien nicht aufwärts geht



EU-Politiker nennen Italien mittlerweile in einem Atemzug mit Griechenland. Bis Mittwoch muss das Land konkrete Vorschläge machen, wie es aus der Krise kommen will. Dabei lassen sich die Probleme Italiens kaum von heute auf morgen lösen. Das beginnt beim umstrittenen Ministerpräsidenten Berlusconi, der sich mit seiner unsicheren Koalition von einer Vertrauensabstimmung zur nächsten hangelt. Italien ist nicht mehr wettbewerbsfähig, klagen Unternehmer. Es gibt zu viel Bürokratie und zu wenig Innovationen. Junge Menschen bekommen keine Arbeit, Rentner fette Pensionen. Der Reformstau ist gewaltig.

In Italien gibt es immer noch die schöne und teure Einrichtung der Geschwisterrente. Stirbt ein Rentenempfänger, können Bruder oder Schwester 15 Prozent der Rente des Verstorbenen für sich beanspruchen.
Für Pietro Reichlin, Wirtschaftsprofessor an der "Luiss Universität" in Rom, ist der Reformbedarf bei den Renten am größten: "In den nächsten zwei, drei Jahren bleiben die Renten ein schwerwiegendes Problem, weil es in Italien noch zu viele Menschen gibt, die viel zu früh in Rente gehen - mit einer Rente, die viel zu hoch ist, verglichen mit den eingezahlten Beiträgen. Unsere nationale Rentenversicherung hat ein Defizit, das sie nicht auffüllen kann."

Verschenktes Innovationspotenzial

Schön, wenn man alt ist in Italien, dann kommt man immerhin in den Genuss einer Rente. Den Jungen geht es dagegen nicht so gut, die Arbeitslosenquote ist hoch: 28 Prozent bei den Unter-25-Jährigen. Das ist nicht nur ein gewaltiger sozialer Sprengstoff. Italien verzichtet damit auch auf Innovationspotenzial, sagt der Unternehmer Gian Maria Gros-Pietro: "Italien ist ein kleines Land mit weniger als einem Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Wir können nur wachsen, wenn wir einen Platz finden unter den Ländern, die auf Weltniveau Neuerungen einführen."

Zu viel Bürokratie, zu viele Kosten

Gros-Pietro war bis vor kurzem Chef des größten italienischen Autobahnbetreibers und kennt deshalb die Probleme eines Unternehmers aus eigener Erfahrung. Am schlimmsten, sagt er, ist die Bürokratie. Es dauert Ewigkeiten, bis man beispielsweise eine Baugenehmigung bekommt. Noch mehr Zeit braucht man nur, wenn man vor Gericht muss: "Es dauert unglaublich lange, in Italien seine Rechte durchzusetzen. Und das ist ein Kostenfaktor, der von Unternehmen als Hindernis angesehen wird, sich in Italien zu engagieren."
Wer schneller ans Ziel kommen will, muss extra Geld in die Hand nehmen. Korruption und Vetternwirtschaft bremsen Italiens Wirtschaft, sagt Tatjana Eifrig, Analystin bei der römischen Privatbank Finnat. "Italien erinnert mehr an eine Planwirtschaft als an ein kapitalistisches Land", sagt sie. "Es werden Pöstchen versprochen. Wo eine Person gebraucht wird, werden fünf hingesetzt, weil, da gibt es ja den Cousin… Und der Bürger zahlt mit seinen Steuern."

Kaum Infrastruktur südlich von Neapel

Ein weiterer Standortnachteil: die Infrastruktur. Alles, was südlich von Neapel liegt, ist über Straße und Schiene nur schwer zu erreichen.
"Ein eklatantes Beispiel, das mir dazu einfällt, ist der Hafen von Gioia Tauro, der hätte das Rotterdam des Mittelmeer werden sollen", erzählt Eifrig.
"Es gibt noch nicht mal eine richtige Straße, die dort die Waren abtransportieren könnte, geschweige denn einen Güterbahnhof."

Regierung selbst ist die größte Wachstumsbremse

All diese Probleme sind natürlich nicht über Nacht entstanden. Es sind vor allem die Versäumnisse der Politik, die Italien von einer Wirtschaftsmacht zu einem Wackelkandidaten werden ließen.
Ministerpräsident Silvio Berlusconi spricht zum Beispiel seit 17 Jahren vom Ausbau der Autobahn von Salerno, südlich von Neapel, nach Reggio Calabria, in der Spitze des Stiefels. Doch geschehen ist bis heute wenig. Auch dank des Koalitionspartners Lega Nord, der zuallererst immer an seine Klientel im Norden Italiens denkt.
So wird Italiens Regierung selbst zur größten Wachstumsbremse, sagt Wirtschaftsprofessor Pietro Reichlin. "Die italienische Regierung scheint unfähig, die aktuellen Herausforderungen zu bestehen, weil sie aus einer Koalition besteht, die sehr zerstritten ist."

Rom und die Schuldenkrise
Wirtschaftskrisen erkennt man daran, dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben.

Wer an die Möglichkeit eines ständigen Wirtschaftswachstums glaubt,
ist entweder ein Narr oder ein Ökonom.